Festival Retz 2015

Benjamin Britten zählt zurecht zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist aus dem Repertoire der Opernhäuser weltweit nicht mehr wegzudenken. Eine Besonderheit seines Œuvre stellen dabei die in den Jahren 1964 bis 1968 entstanden drei Parables for Church Performance dar. Das erste und wohl eindrücklichste dieser drei Stücke ist «Curlew River». Gleich einem mittelalterlichen Mysterienspiel zieht zu Beginn der Aufführung eine Gruppe von Mönchen in die Kirche ein, aus welcher der Abt hervortritt und seinen Mitbrüdern die Instrumente und Rollen zuteilt. Die eigentliche Handlung der Oper bleibt somit immerwährend als rituelles Spiel im Spiel erkennbar. Curlew River, Fluss der Möwen, diesseits das westliche Land, jenseits das östliche, Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten. An seinen Ufern strandet eine Gruppe von Pilgern gemeinsam mit einem geheimnisumwitterten Reisenden, um vom Fährmann die Überfahrt zu erbitten. Auch eine aus Schmerz über den Tod ihres Kindes dem Irrsinn verfallene Frau muss diese Grenze überwinden, um zuletzt durch das Geheimnis und die Gnade der Auferstehung Trost und Heilung erfahren zu dürfen. In einer in der christlichen Kontext überführten Adaption des japanischen No-Spiels Sumidagawa erzählen Benjamin Britten und sein Librettist William Plomer eine ergreifende Geschichte über Liebe, Verlust und Schmerz. Brittens Zuneigung gehört dabei stets den Ausgegrenzten, die er auf ihrer Suche nach Hoffnung und Erlösung in berührender Tonsprache begleitet. Die musikalische Struktur dieses Werkes ist dabei gezielt auf die akustischen Besonderheiten eines großen Sakralraumes ausgerichtet. Gregorianische Choräle verweben sich mit asiatischen Klangwelten zu einem unvergleichlichen Musikerlebnis, das den Hall eines Kirchenraumes als entscheidende kompositorische Komponente effektvoll zu nutzen weiß.

 

Leave a Reply